Vorlesen macht Ihrem Kind Lust aufs Lesen, wenn es einen festen, ruhigen Platz im Tag hat, Ihr Kind die Bücher mit aussucht und Sie beim Lesen miteinander sprechen. Wer zwischendurch fragt, auf Bilder zeigt und das Kind erzählen lässt, übt nebenbei Wortschatz, Zuhören und das Verstehen von Geschichten. Auf genau diese Fähigkeiten baut Ihr Kind später auf, wenn es selbst liest.
In diesem Artikel finden Sie Anregungen für die Zeit vom ersten Bilderbuch bis in die Grundschule und für den Wechsel zum Selberlesen.
Was Ihr Kind beim Zuhören lernt
Beim Zuhören begegnet Ihr Kind Wörtern, die im Alltag selten vorkommen: flüstern, vorsichtig, Laterne, Abenteuer. Es erlebt, dass eine Geschichte einen Anfang hat, ein Problem und ein Ende. Es merkt, dass die Zeichen auf der Seite jedes Mal dieselbe Geschichte erzählen. Und es verbindet Bücher mit Nähe und Ruhe.
Wenn Ihr Kind in der ersten Klasse Buchstaben lernt, bringt es damit einen Grund zum Lesen mit: Es weiß, dass in Büchern Geschichten stecken, auf die es sich freut.
Ein fester Platz im Tag
Regelmäßigkeit bringt mehr als Länge. Eine Viertelstunde, die jeden Abend zur selben Zeit kommt, wirkt stärker als eine lange Lesestunde am Wochenende, die oft ausfällt.
- Gleicher Ort, gleiche Zeit. Das Sofa nach dem Kindergarten oder das Bett vor dem Einschlafen.
- Bildschirme aus. Legen Sie das Telefon in einen anderen Raum. Ihr Kind merkt, dass diese Zeit ihm gehört.
- Aufhören, solange es schön ist. Klappen Sie das Buch zu, während Ihr Kind noch zuhören möchte. Dann freut es sich auf morgen.
- In Ihrer Sprache. In mehrsprachigen Familien lesen Sie in der Sprache vor, die Sie am sichersten sprechen. Was Ihr Kind dabei über Geschichten und Wörter lernt, nimmt es ins Deutsche mit.
Bücher gemeinsam aussuchen
Kinder hören länger und genauer zu, wenn sie das Buch selbst gewählt haben. Nehmen Sie Ihr Kind mit in die Stadtbücherei; dort darf es stöbern, und ein Buch, das nicht gefällt, geht ohne Ärger zurück.
- Wiederholung ist erwünscht. Dasselbe Buch zum zehnten Mal? Gut so. Beim wiederholten Hören ergänzt Ihr Kind Sätze, entdeckt Einzelheiten in den Bildern und erzählt bald selbst mit.
- Sachbücher zählen. Bagger, Tiere, Planeten: Wer sich für ein Thema begeistert, hört bei Sachbüchern oft länger zu als bei Geschichten.
- Länge passend wählen. Für die Kleinen Bilderbücher mit wenig Text, später Geschichten mit kurzen Kapiteln, die über mehrere Abende reichen.
- Reime und Wimmelbücher. Reime schärfen das Ohr für Laute, Wimmelbücher laden zum Erzählen ein.
Beim Lesen ins Gespräch kommen
Fachleute nennen es dialogisches Lesen: Ihr Kind hört zu und spricht mit. So bleibt es bei der Sache und lernt mehr Wörter, als wenn Sie den Text am Stück vorlesen.
Vor dem Lesen
Schauen Sie gemeinsam das Titelbild an. Fragen Sie: „Was glaubst du, worum es geht?“ Jede Antwort ist willkommen.
Während des Lesens
Halten Sie an einer spannenden Stelle an. „Was macht der Fuchs da?“ „Was passiert jetzt wohl?“ Greifen Sie die Antwort Ihres Kindes auf und fügen Sie ein Wort hinzu: „Ja, der Fuchs schleicht. Er schleicht ganz leise um den Stall.“ So hört Ihr Kind das neue Wort im passenden Satz.
Nach dem Lesen
„Welche Stelle mochtest du am liebsten?“ Lassen Sie Ihr Kind die Geschichte mit den Bildern nacherzählen. Ein bis zwei Fragen genügen. Will Ihr Kind lieber weiterhören, lesen Sie weiter.
Wenn Ihr Kind unruhig wird
Viele Kinder hören besser zu, wenn die Hände beschäftigt sind: beim Malen, Kneten oder mit einem Kuscheltier im Arm. Lassen Sie Ihr Kind umblättern und Geräusche machen. Bleibt es unruhig, wählen Sie eine kürzere Geschichte mit mehr Bildern.
Vom Vorlesen zum Selberlesen
In der ersten Klasse liest Ihr Kind kurze, einfache Texte. Das ist mühsam, und die Geschichten, die es allein schafft, sind noch nicht spannend. Lesen Sie deshalb weiter vor, auch in der dritten und vierten Klasse: So bleiben die Bücher erreichbar, auf die sich Ihr Kind freut.
- Abwechselnd lesen. Sie lesen eine Seite, Ihr Kind einen Satz oder ein Wort. Erstlesebücher mit großer Schrift und kurzen Zeilen helfen dabei.
- Mit dem Finger mitfahren. Lesen Sie langsam und fahren Sie unter der Zeile mit. Ihr Kind sieht, welches Wort Sie gerade sprechen.
- Ruhig bleiben bei Lesefehlern. Liest Ihr Kind ein Wort falsch, warten Sie einen Moment. Oft korrigiert es sich selbst. Wenn nicht, lesen Sie das Wort vor und lassen Ihr Kind den Satz noch einmal lesen.
- Vorlesen umdrehen. Ihr Kind liest einem Geschwisterkind oder dem Kuscheltier vor. Als Vorleser fühlt es sich groß.
Wenn Lesen zur Hausaufgabe wird und es dabei öfter knirscht, finden Sie Anregungen im Artikel Hausaufgaben ohne Streit.
Was die Lust bremst
- Vorlesen als Belohnung oder als Strafe einsetzen. Dann hängt die Lesezeit an gutem Benehmen statt am Buch.
- Nach jeder Seite abfragen, was passiert ist. Ein Gespräch über die Geschichte hilft mehr als eine Prüfung.
- Bücher streng nach der Altersangabe auf dem Umschlag aussortieren. Ihr Kind weiß meist selbst, was es fesselt.
Wann Sie nachfragen sollten
Wenn Ihr Kind sich mit dem Lesenlernen über Monate sehr schwertut, Buchstaben auch nach längerer Übung verwechselt oder Lesen ganz vermeidet, sprechen Sie mit der Klassenlehrkraft. Sie sieht Ihr Kind im Unterricht und kennt die Beratungsangebote der Schule. Früh fragen ist besser als lange abwarten.
Lesen und Zuhören bei Eduvant Kids
Mit Eduvant Kids bauen wir eine Lern-App für Kinder von der Vorschule bis Klasse 4, die am 1. November 2026 startet. Die App soll Aufgaben vorlesen, damit auch Kinder üben können, die noch nicht sicher lesen. Die gemeinsame Zeit mit einem Buch ersetzt sie nicht. Was wir vorhaben und wie Sie sich vormerken, steht auf der Seite Eduvant Kids.
Wie Ihr Kind im Alltag Zahlen begreift, lesen Sie im Artikel Zahlen begreifen vor der Schule.